Unabhängigkeit durch Elektrifizierung: Großwärmepumpen bieten vielfältige, bislang zu selten genutzte Potenziale
Mehr als 350 Vertreter aus Industrie, Energiewirtschaft und Kommunen haben beim Deutschen Großwärmepumpen-Kongress des Bundesverbands Wärmepumpe (BWP) e.V. über die rechtlichen Rahmenbedingungen, die Wirtschaftlichkeit und die Finanzierung von Großwärmepumpenprojekten beraten. Der BWP mahnt Fortschritte insbesondere beim Strompreis und zu langwierigen Genehmigungsprozessen, aber auch einen verlässlichen Pfad beim CO2-Preis an, um weitere Investitionen auszulösen.
Berlin, 11.06.2026. Die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung ist für den BWP-Vorstandsvorsitzenden Claus Fest notwendig, um Deutschland unabhängiger von Energieimporten zu machen: „Gerade die letzten Wochen und Monate haben uns erneut vor Augen geführt, wie verletzlich unsere Energieversorgung bleibt. Der Krieg im Nahen Osten, die fortdauernden russischen Angriffe auf die Ukraine und weitere geopolitische Spannungen wirken sich unmittelbar auf Energiepreise, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Stabilität aus.“ Der Ausbau einer von fossilen Energien unabhängigen Infrastruktur sei daher auch aus Resilienz-Gesichtspunkten geboten: „Solange unsere Wärmeversorgung wesentlich von Gas und Öl abhängt, bleibt unsere Volkswirtschaft verwundbar“.
Im aktuellen Entwurf des Gebäudemodernisierungsgesetzes (GModG) fehle laut Fest der entscheidende Impuls: Es sei zu kurz gegriffen, den Rechtsrahmen so umzubauen, dass eine immense Nachfrage nach erneuerbaren Gasen entstehe. Diese Gase seien absehbar weder in ausreichender Menge verfügbar noch bezahlbar. Das könne am Ende fossile Abhängigkeiten verstetigen, statt ihnen entgegenzuwirken.
Anreize zur Elektrifizierung notwendig
Fest mahnt an, dafür an anderer Stelle umso konsequenter Anreize zur Elektrifizierung zu setzen. Dies müsse über die Energiepreise, einen planbaren CO?-Preis und über stabile Förderprogramme wie die Bundesförderung Effiziente Gebäude (BEG) und die Bundesförderung Effiziente Wärmenetze (BEW) erfolgen: „Es ist unabdingbar, die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze, die insbesondere für Großwärmepumpen-Projekte eine wichtige Rolle spielt, stabil und praxisnah zu gestalten. Bestehende bürokratische Hürden bei der Beantragung der Förderung und bei Genehmigungsprozessen vor Ort müssen zügig abgebaut werden“.
Technik bereits vielfach erfolgreich eingesetzt
Am Vortag des Kongresses konnten die Teilnehmer verschiedene Großwärmepumpen-Projekte in Berlin besuchen und sich selbst ein Bild von den vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten machen. Bereits umgesetzt ist die Einspeisung einer Großwärmepumpen-Anlage ins Netz des Berliner Fernwärmenetzbetreibers BTB. Die Anlage nutzt das Spreewasser in Berlin-Schöneweide als Wärmequelle.
In Berlin-Spandau wird die Wärmeerzeugung des Heizkraftwerks Reuter-West künftig nur durch die Nutzung von Abwasserwärme mit einer 75-Megawatt-Großwärmepumpenanlage ergänzt. Die Bauarbeiten laufen bereits, die Inbetriebnahme durch den Berliner Fernwärmeversorger BEW soll im Jahr 2027 erfolgen.
Dass die Wärmeversorgung auch kleinerer Netze durch Großwärmepumpen erfolgen kann, beweist das Projekt Dockyard Berlin: Der Bürokomplex nutzt ein innovatives Energiekonzept aus Großwärmepumpen, Eisspeicher, PVT-/PV-Anlagen, Geothermie und Umgebungsluft. Die Wärme wird dort saisonal gespeichert und bei Bedarf effizient nutzbar gemacht; im Sommer unterstützt der Eisspeicher eine ressourcenschonende Kühlung.
Große Einzelgebäude können ebenfalls von großen Wärmepumpen mit Wärme und Kälte versorgt werden: Unter dem Schlossplatz am Berliner Humboldt-Forums sind 115 Erdwärmesonden und 91 Energiepfähle verlegt, die das das Gebäude mithilfe von Wärmepumpen mit Wärme und Kälte versorgen. Hier dient der Untergrund als saisonaler Speicher. In Berlin-Lichtenberg wird in einem großen Möbelhaus mithilfe einer Wärmepumpe im Winter Wärme aus dem Abwasser gewonnen, während im Sommer überschüssige Gebäudewärme dorthin abgeführt wird.
Flexible Technologie ermöglicht breites Anwendungsspektrum
Im Vortragsprogramm stand dann die Praxis im Vordergrund: Besondere Aufmerksamkeit lag dabei auf der Wirtschaftlichkeit von Großwärmepumpen und verschiedenen Finanzierungs- und Investitionsmodellen für kapitalintensive Großprojekte. Erstmals stand auch der Roll-Out von modularen Anlagen im Vordergrund. Diese werden samt Hydraulik und Steuerung nicht vor Ort, sondern bereits in der Fabrik montiert und beispielsweise in Containerform angeliefert und erlauben damit einen schnellen Anschluss an die Gebäude vor Ort.
Dass Großwärmepumpen auch über viele Jahrzehnte zuverlässig funktionieren können, zeigte ein Blick auf Betrieb einer Großwärmepumpen-Anlage im schwedischen Göteborg: Diese wurde im Jahr 1984 gebaut und unlängst durch ein umfassendes Retrofit für eine weitere 15-jährige Betriebsperiode ertüchtigt.
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Über den Bundesverband Wärmepumpe (BWP) e.V.
Der Bundesverband Wärmepumpe (BWP) e. V. ist ein Branchenverband mit Sitz in Berlin, der die gesamte Wertschöpfungskette rund um Wärmepumpen umfasst. Im BWP sind knapp 1.400 Unternehmen der Heizungsindustrie, Handwerksunternehmen, Planungs- und Architekturbüros, Bohrfirmen sowie Energieversorger organisiert, die sich für den verstärkten Einsatz effizienter Wärmepumpen engagieren.
Die deutsche Wärmepumpen-Branche beschäftigt rund 100.000 Personen und erwirtschaftet einen Jahresumsatz von rund 3,5 Milliarden Euro. Derzeit werden in Deutschland knapp zwei Millionen Wärmepumpen genutzt. Die hier verbauten Anlagen werden zu rund 95 Prozent von BWP-Mitgliedsunternehmen hergestellt.
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