Interview Dr. Pehnt | Bundesverband Wärmepumpe (BWP) e.V.

Interview zum 14. Forum Wärmepumpe mit Dr. Martin Pehnt

Markt 09.11.2016

ifeu - Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg

Porträtfoto von Dr. Martin Pehnt

Dr. Pehnt, was bedeutet das Pariser Klimaabkommen für den deutschen Wärmemarkt?

Bisher haben wir sehr stark in einer Welt gedacht, in der eine Treibhausgas-Reduktion in Deutschland von 80 Prozent bis 2050 ausreicht. In einer solchen Welt ist es nicht zwingend erforderlich, fossile Energieträger vollständig aus dem Wärmemarkt zu verbannen.

Die Vereinbarungen von Paris bedeuten: Wir müssen noch konsequenter Klimaschutz betreiben und den Wärmemarkt fast vollständig bis 2050 dekarbonisieren. Das liegt auch daran, dass es Sektoren gibt, in denen eine Treibhausgas-Minderung noch schwieriger ist – ich denke etwa an die Landwirtschaft oder bestimmte Industrieprozesse. Mit anderen Worten: Die Wärmebereitstellung muss aus erneuerbaren Energien kommen. Und da Biomasse potenzialseitig begrenzt ist und auch der Verkehrssektor, der industrielle Prozesswärmemarkt und der Markt für chemische Rohstoffe Biomasse nachfragen werden, kommt der Wärmepumpe eine besondere Rolle zu.

Wichtig dabei ist aus meiner Sicht: Hocheffizienz und ein „systemdienlicher Betrieb“ werden in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen, um eine stromseitige Integration zu gewährleisten. Besonders spannend finde ich dabei Hybridsysteme, die Wärmepumpen mit brennstoffbasierten Spitzenkesseln verknüpfen. Dänemark zeigt uns übrigens auch, dass in innovativen Wärmenetzen auch die Kombination von Großwärmepumpen mit Solarthermie und ggf. weiteren Wärmequellen inklusive Kraft-Wärme-Kopplung ein interessantes Konzept sein kann.

Wie müsste sich der Wärmemarkt im Hinblick auf die Klimaziele künftig entwickeln?

Interessant ist ja, dass wir einen nahezu klimaneutralen Gebäudebestand anstreben, dies aber über Primärenergiefaktoren bemessen, in denen sich die unterschiedlichen CO2-Intensitäten der Brennstoffe gar nicht widerspiegeln. Wir müssen jede Sanierungschance bestmöglich nutzen – Stichwort Sanierungsfahrplan – und den Kraftwerkspark konsequent umbauen – mit einem weiterhin ehrgeizigen und kostenoptimierten EEG und mit einem revidierten Emissionshandel. Die Wärmeerzeugung aus Wärmepumpen wird davon profitieren, denn im Verbund mit erneuerbaren Energien entfaltet sie ihr ganzes Potenzial.

Setzt die Bundesregierung die richtigen Impulse, bspw. mit der Energieeffizienzstrategie Gebäude und dem Grünbuch Energieeffizienz?

Ich glaube, es ist richtig, einen Schritt zurückzutreten und zu analysieren, ob wir mit unserem jetzigen Gefüge aus Informieren, Beraten und Fördern diese weitreichende Wärmewende schaffen. Wir sind schon weit gekommen. Neben der Energieeinsparverordnung setzen ausgefeilte Beratungsprogramme, Kampagnen, Checks und Förderprogramme Marktimpulse. Gleichzeitig beginnen wir allmählich, den Überblick zu verlieren. Mit einer gezielten Förderverschlankung und mit einer engen Verzahnung zwischen Beratung und Förderung kommen wir einen Schritt weiter.

Aber dies wird nicht reichen, um Paris gerecht zu werden. Im Wärmemarkt dämpfen die derzeitigen Energiepreise für Heizöl und Erdgas - die auch die Klimaschadenskosten nicht angemessen widerspiegeln – die Marktdynamik. Mit einem „Klimasoli“ könnten wir dies ändern und damit den erneuerbaren Energien einen fairen Schub geben. Diesen Klimasoli sollte man aufkommensneutral und verteilungsgerecht wieder zurückgeben, als Pro-Kopf-Dividende oder Senkung der Stromabgaben.

Daneben müssen wir auch über Maßnahmen im Mietrecht (Stichwort: Warmmietenneutralität) und bei der Wärmeplanung sprechen. Auch hier zeigt uns Dänemark: Systematische Wärmenutzungskonzepte vermeiden konzeptlose Einzelmaßnahmen und führen zu einem Quartiersdenken in der Wärmeplanung. Und wir sollten regionale Anlaufstellen und „one stop shops“ schaffen – Sanierungsnetzwerke –, in denen Endkunden, Handwerker und Architekten zusammenfinden und Quantität und Qualität der Sanierung maximiert werden.

Zum Interviewpartner

Dr. Martin Pehnt ist Wissenschaftlicher Geschäftsführer und Vorstand des ifeu - Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg. Pehnt studierte Physik, Energietechnik und -management in Tübingen, Boulder, Berlin und Stuttgart und forschte am National Renewable Energy Laboratory und am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. In zahlreichen Projekten für nationale und internationale Institutionen, Verbände und Unternehmen analysiert er energiepolitische Instrumente und Strategien zur Förderung klimaschonender Energiesysteme und untersucht Technikfolgen, Ökobilanzen und energiewirtschaftliche und –politische Auswirkungen von Erneuerbaren Energien, Energieeffizienz und anderen innovativen Energie- und Verkehrssystemen. Pehnt lehrt an verschiedenen Hochschulen und ist German Ambassador des European Council for an Energy Efficient Economy.

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