Plusminus: Setzen, Sechs!

Forschung & Technik 28. August 2015

Das Effizienzhaus Plus in Berlin (Bildquelle: Wikipedia)
Das Effizienzhaus Plus in Berlin (Bildquelle: Wikipedia)

Plusminus: Elektrisch läuft auch die Heizung per Wärmepumpe, die wie ein umgekehrter Kühlschrank funktioniert.

Michael Koch: Schön wäre hier ein Wort dazu gewesen, was eine Wärmepumpe eigentlich tut: Sie gewinnt Umweltwärme zum Heizen und stellt so deutlich mehr Wärme bereit als sie Strom verbraucht – anders als herkömmliche Elektroheizungen, die den Strom eins-zu-eins in Wärme umwandeln. Das macht einen deutlichen Unterschied bei Effizienz und Ökobilanz.

Plusminus: Heizen mit Strom? Bloß nicht, findet Timo Leukefeld. Er sieht in der großflächigen Anwendung strombasierter Heizungen einen „riesigen Konstruktionsfehler“. Leukefeld erläutert, dass der Großteil des PV-Ertrages im Sommer anfällt, der Heizbedarf aber im Winter auftritt. Eine Wärmepumpe müsse daher im Winter ihren Strom aus dem Netz zukaufen. Und der sei teuer. „Ein Plus an Energie, und ein Minus im Portemonnaie. Ich nenne das Ganze die ‚saisonale Illusion‘.“, so der Wissenschaftler.

Michael Koch: Diese Feststellung ist erst einmal nicht falsch, unterlässt aber leider einige wichtige Punkte:

1.: Moderne Wärmepumpen heizen nicht nur, sie können auch kühlen (naturgemäß im Sommer) und warmes Wasser bereiten (ganzjährig). Eine Wärmepumpe benötigt also auch zu Zeiten hohen PV-Ertrags Strom.

2.: Leukefeld kritisiert zu Recht, dass der Strom für Wärmepumpen teuer ist – unterschlägt aber, dass dieser Strom von eben jener Bundesregierung, der er eine Bevorzugung elektrischer Heizungen unterstellt massiv verteuert wird. EEG-Umlage, Stromsteuer, Konzessionsabgabe, Netzentgelte etc. machen in den meisten Regionen rund 70% des Wärmestrompreises aus.

Plusminus: Häusern mit Wärmepumpe stellt Leukefeld ein Sonnenhauskonzept gegenüber. Dieses wird über Solarthermie-Module mit Wärme versorgt. Diese speisen einen riesigen Wärmespeicher mit 9.000 Litern Fassungsvermögen für bis zu 90°C heißes Wasser.

Michael Koch: Das Prinzip ist ja nicht neu. Herr Jenni aus der Schweiz hat den Solartank schon vor 35 Jahren kreiert. Ja es gibt ganz nette Einzellösungen, aber Serienstandard wird das wohl nie werden. Es ist und bleibt die Einzellösung eines Individualisten.

Ein Gebäude, das seinen Energiebedarf bei Wärme und Strom fast komplett mit verschiedenen Solartechnologien deckt – ein tolles Konzept! Ganz ohne Zweifel werden solche „Sonnenhäuser“ einen wichtigen Beitrag bei der Umsetzung der Wärmewende spielen. Aber können Sie sie tragen? Leukefeld beklagt, dass solche Ideen in den aktuellen Bauvorschriften nicht berücksichtigt werden. Eine solche Idee ist tatsächlich überdenkenswert. Aber lässt sich damit die Wärmewende schaffen? Ich habe da meine Zweifel. Bauvorschriften sind für die Wärmewende zwar wichtig. Bedenkt man aber, dass jährlich in Deutschland etwas mehr als 100.000 Gebäude gebaut werden, gleichzeitig aber ein Großteil der 20 Millionen Bestandsgebäude Energie verschwenden, wird deutlich, wo der größere Hebel zur Energieeinsparung liegt. Und ich frage mich, in wie vielen dieser Millionen Häuser ein Wärmespeicher mit 9.000 Litern Fassungsvermögen, der über mehrere Stockwerke reicht, einsetzbar wäre – und zu welchen Kosten er dort integriert werden könnte. Und was passiert eigentlich, wenn auf einen kühlen Sommer ein langer, kalter Winter folgt – und der Wärmespeicher nach der Hälfte der Heizperiode leer ist? Dazu schweigt sich der Beitrag leider aus.  

Plusminus: Vor diesem Hintergrund wirft der Beitrag die Frage auf, ob es sinnvoll sei, während der Heizperiode den Strombedarf zu erhöhen – immerhin wolle die Bundesregierung die Stromheizung zum Standard machen. Zwar falle im Winter auch Windstrom an, aber „für jedes elektrisch geheizte Haus braucht man zusätzliche elektrische Leitungen quer durch die Republik.“ Wenn der Wind einmal nicht weht, brauche man daher Reservekraftwerke: „1 Million Wärmepumpen-Heizungen plant die Bundesregierung in 5 Jahren. Und die brauchen mindestens 5 große Kohlekraftwerke als Reserve. Diesen Wahnsinn könnte man vermeiden dank des Wärmespeichers.“ Trotzdem bevorzugt die Bundesregierung elektrische Heizungen.

Michael Koch: Jetzt wird es haarig. Gehen wir die Behauptungen einmal nacheinander durch:

1. Macht die Bundesregierung Stromheizungen zum Standard? Tatsächlich wird mit der Verschärfung der EnEV ab dem 01.01.2016 die Erfüllung gesetzlicher Anforderungen mit der Wärmepumpe besonders einfach. Das liegt aber nicht daran, dass die Regierung ein Herz für die Wärmepumpe hätte. Die Bundesregierung legt schlicht Grenzwerte fest, wie viel Primärenergie ein neues Haus verbrauchen darf – und dank des höheren Grünstromanteils verbraucht eine Wärmepumpe nunmal besonders wenig Primärenergie. Aber auch mit dem Sonnenhaus kann man diese Anforderungen erfüllen. Eine ungerechtfertigte Bevorzugung gibt es nicht.

2. Eine Wärmepumpe = eine Stromleitung von Fehmarn zum Bodensee? Kaum. Bisher waren keine netzverstärkenden Maßnahmen durch Wärmepumpen notwendig. Der Netzausbau in Deutschland wird vor allem getrieben durch den Ausbau erneuerbarer Energien – wie der PV-Anlagen, die sich auch auf dem Sonnenhaus von Herrn Leukefeld befinden. Eine einfache Nachfrage bei einem Netzbetreiber hätte dies bestätigt. Ende 2014 gab es in Deutschland rund 650.000 Wärmepumpen, die im Jahr 4,4 TWh Strom verbrauchen. Im gleichen Jahr wurden in Deutschland 614 TWh Strom erzeugt. 

3. 5 große Reservekraftwerke: Es ist tatsächlich nicht falsch, dass es wahrscheinlich Kraftwerksreserven vorgehalten werden müssten. Verschwiegen wird allerdings, dass mithilfe der intelligenten Steuerung von Wärmepumpen auch Windstrom verbraucht werden könnte, der sonst abgeregelt werden müsste. Dieser zusätzlich genutzte erneuerbare Strom deckt einen großen Teil des Wärmepumpen-Strombedarfes ab. Zwar wird es auch Stunden geben, in denen Wärmepumpen überwiegend mit fossilen Strom betrieben werden. Das ändert aber nichts daran, dass eine Wärmepumpe immer weit weniger CO2 emittieren wird als Gas- oder Ölheizungen – die dann vermutlich in den Häusern stehen würden, die keinen Platz für einen 9.000 L-Solarwärmespeicher haben.

4. 1 Millionen Wärmepumpen in 5 Jahren? Ohne jegliche Arroganz kann ich glaub ich behaupten: Gäbe es ein solches Ziel, wüsste ich davon.

5. Bevorzugung von Wärmepumpen? Tatsächlich erhalten Wärmepumpen durch die EnEV einen Vorteil und werden von der Bundesregierung u.a. durch das MAP gefördert. Finanzielle Zuschüsse werden aber auch für Pelletheizungen, Fernwärme-Anschlüsse und Solaranlagen gewährt. Letztere waren sogar lange Jahre Referenztechnologie in einschlägigen Vorschriften. Wo hier eine Bevorzugung der Wärmepumpe liegen soll, ist mir schleierhaft.

Plusminus: Zurück zu Herrn Leukefeld und seinem Sonnenhaus. Er ergänzt: „Im Winter füttert uns überflüssiger Windstrom, der sonst ins Ausland verschenkt würde, den Wärmespeicher auf. Das stabilisiert die Stromnetze.“ Der Beitrag schließt mit dem Fazit: Eine komplette Eigenversorgung weitgehend ohne Stromnetz und Reservekraftwerke sei durch das Sonnenhaus möglich.

Michael Koch: Hier entdeckt Herr Leukefeld nun doch seine Zuneigung zur Stromheizung. Leider zur denkbar ineffizientesten Form, dem Heizstab. Dieser erreicht nur ein Drittel oder ein Viertel der Effizienz einer Wärmepumpe. Komisch, dass effizientes Stromheizen mit Wärmepumpe des Teufels sein soll, ineffizientes Stromheizen mit Heizstab aber plötzlich akzeptabel weil es netzdienlich ist.

Was ist also das Fazit? Leider lässt sich der Plusminus-Beitrag nur mit folgenden Attributen qualifizieren: tendenziös, schlecht recherchiert und voller Halbwahrheiten. Den selbst gesteckten Anspruch des Magazins, aufzuklären, neutral Bericht zu erstatten, Missstände aufzudecken verfehlt die Redaktion meilenweit. Der eigentliche Skandal ist, dass man für sowas auch noch Gebühren zahlen muss.

Der Autor

Michael Koch

Michael Koch ist seit 2011 beim BWP. Als Politikreferent ist er zuständig für die Positionierung der Branche gegenüber Regierung, Parlament und Regulierungsbehörden.

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