Das smart Haus der Zukunft – Interview mit Professor Dr.-Ing. Viktor Grinewitschus vom Fraunhofer inHaus-Zentrum

Forschung & Technik 19. September 2012

Im Fraunhofer inHaus-Zentrum anlässlich der BWP-Pressefahrt in NRW: Uwe H. Burghardt (EnergieAgentur.NRW), Prof. Dr.-Ing. Viktor Grinewitschus (Fraunhofer inHaus-Zentrum) und Karl-Heinz Stawiarski (BWP)  (v.l.n.r.)
Im Fraunhofer inHaus-Zentrum anlässlich der BWP-Pressefahrt in NRW: Uwe H. Burghardt (EnergieAgentur.NRW), Prof. Dr.-Ing. Viktor Grinewitschus (Fraunhofer inHaus-Zentrum) und Karl-Heinz Stawiarski (BWP) (v.l.n.r.)

Professor Grinewitschus, Sie leiten den Bereich Technik und Innovation des Fraunhofer inHaus-Zentrums. Was halten Sie für die wichtigsten Trends beim Wohnen der Zukunft?

Mit Smartphone und iPad sind Geräte in den Haushalt eingezogen, welche sich hervorragend für die Realisierung einer einfachen Bedienung auch für komplexere Funktionen liefern. Wenn wir die Energieeffizienz in unseren Wohngebäuden deutlich steigern wollen, müssen wir auf Assistenzfunktionen zurückgreifen, die auf der Vernetzung der Haustechnik basieren und energiesparendes Verhalten erleichtern. Dieselbe Technik lässt sich auch für das Wohnen im Alter  einsetzen. Wir benötigen wir in unseren Wohngebäuden Infrastrukturen, die alle genannten Funktionen unterstützen

Welchen Stellenwert haben Ihrer Meinung nach die Energieeffizienz und Erneuerbare Energien in einem zukunftsfähigen Wohnkonzept?

Mit dem Ausstieg aus der Atomkraft in Deutschland ist ein umfassender Umbau unserer Energieversorgung notwendig geworden. In diesem hat regenerative Energie für mich einen großen Stellenwert, insbesondere wenn diese dezentral, also direkt auf oder an unseren Häusern erzeugt wird. Allerdings wird es für einen breiten Einsatz regenerativer Energie auch notwendig sein, dass der Verbrauch zukünftig stärker dem Angebot folgt, wir müssen also wieder lernen, uns auf das stark schwankende Angebot einzustellen.

Dämmen oder Heizung sanieren – was hat Ihrer Meinung nach Priorität, wenn man Energie sparen will? Und welchen Einfluss haben intelligente Regelungskonzepte?

Die Dämmung der Wohngebäude allein scheint keine Lösung zu sein. Es zeigt sich, dass bei gut gedämmten Gebäuden der Einfluss des Nutzers eine ganz wesentliche Rolle spielt. Wir brauchen offensichtlich für die energetische Ertüchtigung unserer Gebäude eine Kombination von Bauphysik, optimal betriebener Anlagentechnik und von Assistenzfunktionen, die dem Bewohner helfen, sich energieeffizient zu verhalten. Insbesondere im Bestand ist eine umfassende Gebäudedämmung aus wirtschaftlichen Erwägungen erst angezeigt, wenn z.B. die Fassade auch aus anderen Gründen saniert werden muss. Hier stellt die Regelungstechnik (z.B. zeitgesteuerte Einzelraumtemperaturregelung) eine interessante wirtschaftliche Maßnahme dar, die bei größeren Abwesenheitszeiten Einsparungen weitgehend ohne Komfortverzicht ermöglicht

Intelligent kann man ja nicht nur die Heizung regeln, sondern auch alle möglichen Anwendungen steuern, wie das Fraunhofer inHaus zeigt. Worauf sollte man Ihrer Meinung nach achten, wenn man eine intelligente Steuerung in sein Haus einbaut?

Heute stehen uns eine ganze Reihe verschiedener Systeme zur Verfügung. Wichtig scheint mir, dass die Lösung gut zu meinen Bedürfnissen passt und die für mich relevanten Funktionen besitzt. Ein berufstätiger Single wird sich eher für Energieeffizienzfunktionen interessieren, während für ältere Menschen Funktionen zur Sturzvermeidung durch gezielte Lichtsteuerung, Herdabschaltung oder Notfallerkennung relevant sind. Wichtig ist, dass größere Sanierungen in der Wohnung eine gute Gelegenheit bieten, intelligente Steuerungen nachzurüsten. Zwar gibt es heute auch Funklösungen, allerdings ist die Energieversorgung z.B. bei Beleuchtung, Rolladensteuerung etc. letztendlich nur durch Kabel zu lösen. Ich empfehle, sich Lösungen vorführen zu lassen, um zu entscheiden, welches System die eigenen Bedürfnisse optimal erfüllt. Einzelne Funktionen können heute bei vielen Systemen nachträglich angepasst werden.

Neue Technologien erfordern neue Bedienkonzepte. Was kann die Anlagentechnik in Puncto Nutzerfreundlichkeit von Multimedia-Anwendungen lernen?

Die Multimedia-Technik hat in den letzten Jahren gezeigt, wie sich durch Vernetzung und moderne Technologien (z.B. Touch-Screen) komplizierte Funktionen einfach bedienen lassen.  Nun braucht m.E. eine Wärmepumpe kein hochwertiges Touch-Screen Panel für die Einstellung von Parametern, allerdings wäre es doch schön, wenn ich mit meinem Smartphone auch die Zeitprogramme der Heizungsanlage einstellen könnte. Dazu ist eigentlich nur der Brückenschlag von der Haustechnik in die Multimedia-Welt notwendig. Besser noch wäre es, wenn die Heizungsanlage von der Haustechnik (Bewegungsmelder, Alarmanlage) mitgeteilt bekommn, dass niemand zu Hause ist und dann selbsttätig in einen Energiesparmodus geht.

Was muss sich Ihrer Meinung nach im Markt verändern, damit sich intelligente Gesamtkonzepte anstelle von Einzellösungen stärker durchsetzen?

Auf dem Bau haben pflegen wir heute immer noch eine starke Gewerketrennung (Bauphysik, SHK, Elektro). Gute Gesamtlösungen erfordern eher ein Systems Engineering, in dem die Gewerke sehr gut aufeinander abgestimmt und untereinander vernetzt sind. Hier bedarf es eines gewerkeübergreifenden Kümmerers und Systemoptimierers. Die daraus resultierenden Effizienzpotenziale in unseren Gebäuden sind meines Erachtens sehr interessant.  Hilfreich wäre es, gute Beispiele systematisch aufzubereiten, die  Lösungen zu kommunizieren und so zum Nachmachen anzuregen

 

Das Interview führte Verena Gorris, Stellvertretende Geschäftsführerin des Bundesverbands Wärmepumpe.


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